Evangelisch in Europa

Wenn über die „Trennung der Kirchen“ geklagt wird, denkt kaum jemand daran, dass die evangelischen Kirchen 450 Jahre getrennt waren. Bis 1973. Zwischen den meisten protestantischen Kirchen und Glaubensrichtungen gab es kein gemeinsames Abendmahl, oft keine Anerkennung der Taufe und meist auch keine Vertretung der Ämter. Gewiss fühlte man sich überwiegend in einer protestantischen Grundhaltung verbunden, aber in der Praxis nütze das oft wenig. Durchaus zu Recht wollte jeder seine Glaubensgrundsätze behalten, wollte sich nicht gleich machen lassen und so nahm man nicht überbrückbare Unterschiede in Kauf. Menschen wurden mehrfach getauft, Zeugnisse und Ausbildungen nicht anerkannt und Kirchen nebeneinander gebaut.

Seit 1973 leben rund einhundert protestantische Kirchen in Europa in „versöhnter Verschiedenheit“, wie die Theologen sagen. Diese Kirchen leben in vollständiger Anerkennung trotz unterschiedlicher Glaubenslehre. Jahrelange „Lehrgespräche“ waren vorausgegangen. Wenn man sich auf Partner ganz unterschiedlicher Prägung einlassen will, muss man diese sehr gut kennen. Wenn die Reformierten den Erinnerungscharakter des Abendmahls betonen, ist das den Lutheranern zu wenig und die Methodisten legen auf besondere Formen der Frömmigkeit wert. Die baptistischen Kirchen können gute Gründe anführen warum sie erst im erwachsenen Alter taufen und sind der “Gemeinschaft europäischer Kirchen” (GEKE) noch nicht beigetreten.

Immer mehr Kirchen haben die „Leuenberger Konkordie“ unterschrieben und feiern jetzt gemeinsam das Abendmahl und erkennen die Taufe der anderen Kirchen an. Junge Leute können bei einer Partnerkirche studieren und in vielen Fällen ist es möglich, dass Pfarrer in eine andere Kirche wechseln. Die GEKE arbeitet weiter an den praktischen Fragestellungen des christlichen Glaubens, von Themen der Gerechtigkeit über die Pluralität der Religionen bis zum ökumenischen Dialog. Immer noch geht es um Ausbildung, Amt und Leitung sowie um den Anspruch, dass die Reformation nie endet. In den letzten Jahren hat die GEKE wiederholt pointiert evangelische Positionen in wichtige gesamtgesellschaftliche Diskussionen eingebracht. Dazu zählen der europäische Einigungsprozess, die Menschenrechte, der interkulturelle Dialog, die Frage nach einem „gerechten Krieg“ sowie die Religions- und Meinungsfreiheit.

Für die Protestanten hat sich das Modell der „versöhnten Verschiedenheit“ bewährt, ein ökumenisches Modell für die ganze Welt ist es noch lange nicht. Der römischen Kirche ist ein Modell der Verschiedenheit fremd, es bleibt aber der protestantische Anspruch an die Ökumene, dass Kirchen unterschiedlich sein dürfen, da sie auf dem Evangelium als gemeinsamer Basis beruhen.

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